Osttirol: Das alpenländische Sommermärchen der Superlative
Ein Dorf, in dem der Nachtwächter wie schon seit Jahrhunderten seine Runden dreht. Abgeschiedene Täler, in denen sich ganz eigene Traditionen erhalten haben. Mittendrin die Bezirkshauptstadt Lienz mit ihren mittelalterlichen Gassen, den Straßencafés und dem südländischen Flair. Osttirol mit seiner ausgeprägten Gastfreundschaft und Herzlichkeit steht für urtirolerische Erlebnisse – in der Nationalpark-Region Hohe Tauern und dem Defereggental im Norden ebenso wie in den Lienzer Dolomiten im Südosten und dem Hochpustertal im Südwesten. Im Angesicht der höchsten Berge Österreichs – dem 3798 Meter hohen Großglockner und dem 3666 Meter hohen Großvenediger – werden alpenländische Sommermärchen wahr. Insgesamt 2500 Kilometer markierter Wanderwege führen an rauschenden Gebirgsbächen durch die Täler, zu echten Bilderbuchalmen mit Panoramablick und zu einsamen Hütten in hochalpiner Abgeschiedenheit. Während Genussradler die landschaftliche Schönheit entlang des Drau- und des Iseltalradwegs entspannt auf sich wirken lassen, finden ambitionierte Gäste in der größten Bike-Arena des Alpenraums ihre Grenzen. Oder wie wär’s zur Abwechslung mal mit Canyoning oder Rafting? Egal, für welches Urlaubsabenteuer man sich entscheidet – am Wegesrand laden urige Gasthäuser mit Osttiroler Spezialitäten zur Einkehr. Und um den „Pregler“, den Vater aller Schnäpse, den die Bauern schon seit Jahrhunderten aus ihren Äpfeln und Birnen brennen, kommt man kaum drumherum.
Wild und spritzig: Wo sich der letzte ungezähmte Gletscherfluss zu Tal stürzt
Experten aus der ganzen Welt ziehen ihren Hut vor der Isel: Während der letzte ungezähmte Gletscherfluss der Ostalpen für Wissenschaftler ein dynamischer Lebensraum mit Vorbildcharakter ist, können Urlauber die Urgewalt des Osttiroler Wassers in allen Facetten genießen. Besonders beeindruckend sind die Umbalfälle nahe des Bergsteigerdorfs Prägraten. Hier stürzt die Isel, die in den Eis- und Schneefeldern der Hohen Tauern entspringt, tosend zu Tal. Auf dem Natur-Kraft-Weg Umbalfälle, der für 260.000 Euro neu gestaltet und am 7. Juli offiziell eröffnet wird, erleben Gäste das faszinierende Schauspiel hautnah und gratis. Tafeln geben Auskunft über die Bedeutung der Isel als Lebensader Osttirols, während Plattformen zu spektakulären Erlebnissen einladen: Mal ragt die Konstruktion in 30 Metern Höhe in die Schlucht hinein und der Blick fällt auf die tosenden Gewalten tief unten, mal ist man so nah dran, dass die Gischt ins Gesicht spritzt. Dabei fügen sich die einzelnen Aussichtspunkte, die im rotbräunlichen Cortenstahl und in Lärchenholz gefertigt sind, harmonisch ins Landschaftsbild ein.
Auf Erkundungstour mit dem Nationalpark-Ranger
Manche sind nur etwas für den Sommer. Auf anderen ist das Gestein so brüchig, dass man sie nur bei Schnee und Eis erklimmen kann. „Die Planung war eigentlich die größte Herausforderung“, sagt Andreas Rofner. Innerhalb von fünf Jahren hat er gemeinsam mit seinem Freund, dem Volksschullehrer Reinhard Steiner, alle 241 Dreitausender Osttirols bestiegen. Jetzt kennt er seinen Arbeitsplatz besser als andere ihre Westentasche. Andreas Rofner ist Ranger im Nationalpark Hohe Tauern. Das ganze Jahr über begleiten er und seine zehn Kollegen Gäste durch die unberührte Natur. Sie alle sind diplomierte Experten mit eigenen Spezialgebieten. Spannende Einblicke und jede Menge Abenteuer garantiert etwa die zweitätige Gletscherreise ins ewige Eis des Teischnitzkees. Sie erfordert ebenso eine gute Kondition wie der Knappentreck mit Übernachtung auf der Reichenbergerhütte (2586 m): Er führt über historische Pfade in die raue Gipfelwelt, in der die Bergleute einst Kupfererz und Eisen, aber auch Gold und Silber abbauten. Wer’s gemütlicher mag, nimmt an einer „Nature Watch“-Führung des Nationalparks teil, die allesamt für Familien geeignet sind und drei bis vier Stunden dauern. Im Defereggental dreht sich dabei alles um die Faszination Wasser und den Gletscherfluss Schwarzach, während in Kals das Wild ins Visier genommen wird. „Von Steinböcken und Gämsen über Murmeltiere bis hin zu Adlern gibt’s hier ein¬fach alles“, sagt Andreas Rofner.
Der einzige Nachtwächter Österreichs dreht in Obertilliach seine Runden
In Obertilliach sitzt die Angst vorm Feuer tief. Denn die Flammen können sich schnell ausbreiten in dem Haufendorf, in dem sich die Dächer der Holzhäuser fast berühren. Daher dreht der Nachtwächter auch heute noch seine Runden. Er heißt Helmut Egartner, ist 63 Jahre alt und österreichweit der letzte seiner Zunft. Zwar hat das elektrische Licht in der 700-Seelen-Gemeinde, die auf 1450 Metern im Hochpustertal liegt, längst Kerze und Petroliumlampe abgelöst und 2003 stiftete die Tiroler Landesbrandschadenversicherung sogar Feuerlöscher und ließ Feuerwarngeräte installieren, um das Risiko zu minimieren. Doch so ganz mag man nicht auf den Nachtwächter verzichten, der in Obertilliach seit Jahrhunderten zum Dorfalltag gehört wie die Messen, bei denen die Einheimischen sonntags morgens um 4 Uhr um Bewahrung vor der Feuersbrunst bitten. In der Regel geht Helmut Egartner nur noch zweimal die Woche nachts vor die Tür, um nach dem Rechten zu schauen – in traditionellem Outfit mit Helebarde und Laterne und dem langen Mantel, mit dem er sogar schon einmal ein Feuer auf dem Friedhof erstickte, als die Kerzen das Holzkreuz auf einem frischen Grab entzündet hatten. „Ich kam gerade noch rechtzeitig“, berichtet er – und freut sich schon jetzt aufs europäische Nachtwächtertreffen, das 2016 in Obertilliach stattfindet. Derzeit sind es rund 150 Nachtwächter und Turmbläser, die der Zunft angehören.
Bauernkost und Haubenküche: Liebe, die man auf dem Teller spürt
Gottfried Steiner ist Tiroler Genusswirt. Er führt gemeinsam mit seiner Frau das Gasthaus am Großvenediger, das auf 1312 Metern am Eingang des Bergsteigerdorfs Prägraten die hohe Kochkunst mit Bodenständigkeit vereint und als Feinschmeckeroase mit urtirolerischem Wohlfühlambiente gilt. Das Erfolgsrezept: „Die Liebe, die man auf dem Teller spürt“. Die Herzlichkeit der Gastgeber, hervorragende Weine, vorbildlicher Service und der Blick fürs Detail lassen die Einkehr zum besonderen Erlebnis werden. Vom Ragout aus Tiroler Berglamm über Gamsgoulasch, Rehbraterl und die legendären Fischgerichte bis hin zum Tafelspitz an Cremespinat und Apfelkren reichen die Köstlichkeiten auf der Speisekarte. Die traditionellen, eher deftigen Osttiroler Bauerngerichte servieren Steiners dem Zeitgeist entsprechend in einer leichteren Variante. Bei den Schlipfkrapfen – Teigtaschen mit einer Kartoffel-Kräuterfüllung – werden die braune Butter und der Käse separat gereicht, damit jeder selbst entscheiden kann, wie viel er davon nimmt. Neben bodenständigen Gasthäusern, die Traditionelles mit Liebe und Niveau servieren, beeindruckt Osttirol auch mit einer besonderen Dichte an Gourmet-Restaurants: Feinschmecker haben in der Region mit ihren 53.000 Einwohnern die Auswahl zwischen zwölf Haubenlokalen, die insgesamt 18 Hauben auf sich vereinigen. Ein besonderer Tipp für Freunde italienischer Küche ist die Pizzeria Saluti in Matrei, die sich österreichweit als einzige mit zwei Hauben schmücken darf. Übrigens: Osttirol ist mit dem Berglamm und der Kartoffel zur Tiroler Genussregion avanciert.
Faszination Honigbiene: Thaddäus Stocker und seine Frauen
Bienen sind seine Leidenschaft. „Zwei Stunden bei meinen Frauen und ich bin wie neu geboren“, sagt Thaddäus Stocker. Wer den engagierten Imker im Osttiroler Bienenladen in Leisach nahe Lienz besucht, hat nicht nur die Auswahl zwischen den besten Honigsorten der Region, sondern erfährt bei Bedarf spannende Details über die Imkerei. Die Faszination für die Zucht und für die Hege und Pflege der Völker gibt der 45-Jährige als Bezirksjugendreferent auch an Osttirols Imker-Nachwuchs weiter. Er ist stolz darauf, dass die Biene zwischen Großglockner und Großvenediger seit einigen Jahren eine wahre Renaissance erlebt: „Wir haben immer mehr Hobby-Imker“, berichtet Thaddäus Stocker, der diese Entwicklung als Teil des Trends zurück zur Natur sieht. Der Umgang mit den Bienen ist für den Sicherheitstechniker Meditation und Ausgleich zum Beruf, die Imkerei als solche gesellschaftliche Verantwortung: „Die Biene ist im Frühjahr die erste, die mit der Bestäubungsaktivität beginnt – wir brauchen sie flächendeckend, um unsere vielfältige Pflanzenwelt zu erhalten.“ Besonders erfreut ist Thaddäus Stocker über die neue Landesbelegstelle in Anras, in der die Königinnen Hochzeit feiern und nach ihrer Rückkehr im heimischen Stock bis zu 2000 Eier täglich legen. „Das ist einfach unglaublich“, schwärmt Thaddäus Stocker, der sich über jedes neue Bienenvolk freut. Übrigens: Beim Osttiroler Honig gibt es eine große Geschmacksvielfalt – je nachdem, ob die Bienen den Nektar vorwiegend in den Wäldern gesammelt haben, auf blühenden Kräuterwiesen oder auf hochgelegenen Almen.
Vom letzten Gerber und echter Leidenschaft für Leder
„Es stinkt ganz einfach“, sagt Josef Wimmer. Auch mit 59 Jahren hat er den Geruch noch nicht wirklich lieben gelernt. Dennoch ist die Gerbung mit Fischtran für ihn die beste: Ganz ohne Giftstoffe behandelt er die Tierhäute nach dem jahrhundertealtem Vorbild des skandinavischen Volksstamms der Samen. Und das mitten in der Lienzer Altstadt. Die Gerberei ist in historischem Gemäuer untergebracht und schließt sich direkt an das Geschäft „Leder Wimmer“ in der Schweizergasse an, in dem Besucher die Auswahl haben zwischen Trachtenmode, Accessoires und natürlich Sämischleder in allen Variationen. Ob hell oder dunkel – gefärbt wird immer traditionell mit klassischen Holzfarbstoffen. Hinsichtlich des Schnitts haben die Kunden dagegen freie Auswahl. „Wir schneidern auch eine Lederhose nach dem Muster Ihrer Lieblingsjeans“, sagt Josef Wimmer. Der Ledertechniker und Gerbermeister führt das Geschäft, das seine Vorfahren anno 1772 gründeten, in der 8. Generation. Seine Favoriten sind selbstverständlich die „Hirschledernen“, die sich so fein an die Haut anschmiegen. Drei bis sechs Monate vergehen, bis aus einer Hirschhaut in aufwändigen Prozessen feines „Sämisch“ wird. Das Schneidern dagegen geht fix: Wer’s eilig hat, kann das maßgefertigte Stück nach ein, zwei Tagen abholen – und sich dann ein Leben lang daran erfreuen. „Eine gute Lederhose zieht man nicht nur an, darin wohnt man“, sagt Wimmer, der sogar beim Gerben seine „Hirschledernen“ trägt. Im Sommer die kurzen, im Winter die langen.
Vom Pregler, dem Vater aller Schnäpse und von Weinfässern als Badewannen
„Pregeln“ heißt auf osttirolerisch so viel wie brennen und der „Pregler“ ist der Vater aller Schnäpse, dessen Tradition so lange zurückreicht wie die kollektive Erinnerung. Nach wie vor besteht er aus heimischen Äpfeln und Birnen, doch aus dem Feuerwasser der Urahnen ist in der Schnapshochburg Osttirol längst ein feiner Hochprozentiger geworden. Darauf ist auch Hans Pramstaller ein wenig stolz. Er schult die Bauern nicht nur in der Brennkunst, er verkauft darüber hinaus ihre besten Selbstgemachten, darunter viele preisgekrönte Flaschen. Wer mag, kann sich in der 1. Osttiroler Schnapsothek vom Pregler über Vogelbeere, Enzian und Meisterwurz bis zu Haselnuss und Pfirsich durch die gesamte Bandbreite kosten. Immer montags um 16.30 Uhr sowie nach Voranmeldung lädt Hans Pramstaller, der Autor der Osttiroler Schnapsbibel, zur Verkostung – für 10 Euro, mit Apfel und Brot als Zwischenspeise. Die Schnapsothek in Nussdorf-Debant ist ein überdimensionales Weinfass und daher von außen leicht zu erkennen. Die Form des Gebäudes verweist auf Ursprung und Kerngeschäft des Familienbetriebs: die Fassbinderei. Die fünf Pramstaller-Brüder bilden noch Lehrlinge in dem traditionellen Handwerk aus. Mit Diogenes Design hat Helmut Pramstaller, der sich 1997 übrigens den Weltmeistertitel im Snowboardcross holte, inzwischen sogar eine eigene Linie kreiert: Aus alten Weinfässern stellt er exklusive Möbel her – von der Badewanne über die Sitzbank bis hin zum Regal. Mitgeliefert wird ein Zertifikat, das Auskunft darüber gibt, welcher Wein einst in dem Fass gelagert war.
Besuch beim Schmied des Glücks in der historischen Altstadt von Lienz
„Ich bin der glücklichste Mensch“, sagt Rudi Duregger. Der 68-jährige Kunstschmied, der im historischen Stadtkern von Lienz in einer Schlosserei aus dem Mittelalter residiert, geht das Leben gelassen an. Hauptsächlich fertigt er Grabkreuze, Fenstergitter und Treppengeländer, die man bei ihm sogar aus USA und Schweden anfragt. Zwischendurch genehmigt er sich gern einen Espresso im Straßencafé nebenan, verabredet sich zu einer Runde Kartenspielen mit einem Freund oder hält einen Plausch mit Kunden. Im Verkaufsladen direkt neben der Werkstatt gibt’s über Kerzenständer, Helebarden und allerlei Mitbringsel hinaus auch Hufeisen im Hosentaschenformat. „Immer schön nach oben halten“, empfiehlt der Experte, „damit das Glück nicht rausfällt.“ Rudi Duregger nämlich hat sich unter anderem als Schmied des Glücks einen Namen gemacht. Zu Silvester, wenn er das heiße Eisen in der Schauschmiede mitten auf der Messinggasse in U-Form bringt, stehen Einheimische und Gäste Schlange. Aber selbstverständlich hat Rudi Duregger immer ein paar Hufeisen vorrätig: „Glück kannst ja das ganze Jahr über brauchen.“
Facts in Kürze
Osttirol
Osttirol mit der Bezirkshauptstadt Lienz und den 32 Gemeinden hat insgesamt 53.000 Einwohner. Die Urlaubs¬destination mit ihrem urtirolerischen Charme gliedert sich in vier Regionen: Die Nationalpark-Region Hohe Tauern und das Defereggental im Norden, die Lienzer Dolomiten im Südosten und das Hochpustertal im Südwesten.
Entfernungen/Erreichbarkeit
140 km vom Flughafen Klagenfurt nach Lienz, 175 km vom Flughafen Innsbruck. Staufreie Anfahrt über die Felbertauernstraße.
Hotellerie und Gastronomie
Ca. 20.000 Gästebetten; 23 Hotels im 4- und 5-Sterne-Bereich; viele weitere ausgezeichnete Hotels, Gasthöfe, Pensionen, Privatzimmer und Ferienwohnungen.
Bergbahnen
Der Bergbahn-Frühling startet am 4. Juni. An jedem Wochentag bringt eine andere Seilbahn die Besucher zu den schönsten Aussichtspunkten zwischen Großglockner und Lienzer Dolomiten, bis der reguläre Sommerbetrieb beginnt. Ab Ende Juni täglich in Betrieb sind die Hochpustertaler Bergbahnen, die Bergbahnen St. Jakob (nur Brunnalmbahn), die Bergbahnen Kals und Goldried/Matrei, die Bergbahnen Obertilliach und die Bergbahnen Lienz (Hochstein und Schlossbergbahn).
Wandern
2500 Kilometer markierter Wanderwege unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade, darunter zahlreiche Themenwege wie der neu eröffnete Natur-Kraft-Weg Umbalfälle; geführte Touren, unter anderem entspannte „Nature Watch“-Erkundungen mit den Nationalpark-Rangern und hochalpine Zweitagestouren wie Gletscherreise und Knappentreck
Genussradfahren
450 Kilometer Radwege; Genussradeln entlang von Drau und Isel (besonders bequem: mit dem Zug oder dem eigens eingerichteten Shuttle zum Startpunkt flussaufwärts fahren und das Rad zurück rollen lassen)
Mountainbiken und Straßenradeln
530 km Mountainbike-Strecken; Osttirol gilt als größte Bike-Arena der Alpen und ist Etappenziel namhafter Radsportveranstaltungen. Besondere Events: die Dolomitenradrundfahrt am 10. Juni und die „Bike Challenge“ am 26. Juni.
Weitere Sport- und Freizeitmöglichkeiten
Ganzjahresrodelbahn „Osttirodler“, Klettern, Bergsteigen, Canyoning, Schwimmen, Angeln, Fliegenfischen, Kajak- und Raftingtouren, Paragliden, Segelfliegen, E-Bike-Touren, Reiten, Golf uvm.
Weitere Infos: www.osttirol.com